Stefanie Zweig: Heimkehr in die Rothschildallee

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Erhältlich bei Fischerbuch.de

19. Oktober 1941 – In der Großmarkthalle in Frankfurt werden Juden zusammengetrieben.

Keiner wusste, wohin die Reise ging. Es gab täglich neue Gerüchte, die sich alle widersprachen und die die Menschen nicht glaubten, weil ihnen das Unglaubliche noch nicht begegnet war, und doch spürte ein jeder, dass es von der Großmarkthalle aus keine Rückkehr mehr geben würde. Frankfurt, die heiß geliebte Vaterstadt, hatte das letzte Band zu seinen Juden zerschnitten, hatte sie endgültig aus der Gemeinschaft seiner Bürger gestoßen und sie für vogelfrei erklärt. (S. 8)

Beim Lesen der folgenden Seiten wird mir immer beklommener zumute. Zu was sind Menschen fähig, wenn man ihnen die Macht über andere gibt. Wie kommt es, dass sie sich in Bestien verwandeln können, denen nichts mehr heilig ist. Wo war Gott, warum hat er weggeschaut? Wie konnte er so etwas zulassen?!
Auch Mitglieder der Familie Sternberg hat es erwischt. Unter den zusammengetriebenen Juden waren auch Betsy und Johann Isidor, die Tochter Victoria, die sich geweigert hatte, mit den Kindern zu ihrem Mann in die Niederlande zu gehen, und die Enkel Fanny und Salo.
Anna, Johann Isidors uneheliche Tochter, schwanger im 7. Monat, weiß, dass wieder ein Transport bevorsteht. Ihr Mann Hans Dietz hat erfahren, dass es wahrscheinlich die Alten und Kinder trifft.
Und Anna gelang ein Plan, den sie sich fest vorgenommen hat: Ihr gelang es, Fanny vor dem Transport zu retten.
So lebt Fanny nun bei der Familie Dietz. Gemeinsam überleben sie die Bombennächte.
Und dann war der Krieg vorbei.
Betsy hat Theresienstadt überlebt, dabei aber Mann, Tochter und Enkelsohn verloren. In einem amerikanischen Armeebus geht es zurück nach Frankfurt.

Doch was für Gedanken schwirren ihr im Kopf herum während dieser Busfahrt. Bilder der Erinnerung einer schrecklichen Zeit. Aber:

Mach die Augen zu, Betsy. Nicht mehr denken, nicht zurückschauen, auf nichts mehr hoffen, bloß am Leben bleiben. Das hast du deinem Mann versprochen. Wer Kinder hat, darf nicht aufgeben. Aufgeben ist Sünde.

Menschen, wie Frau Schmand, deren Mann ein gefürchteter Blockwart gewesen war, haben sich den Frieden ganz anders vorgestellt:

Seit Deutschlands finaler Niederlage hatte sie dreizehn Pfund an Gewicht, den Glauben an die Gerechtigkeit und große Teile ihres Gedächtnisses verloren.

Das Ehepaar Dietz und Anna hoffen nun auf Lebenszeichen von anderen Familienmitgliedern.
Es gibt keine Lebensmittel mehr, dafür neue Witze:

Ab sofort gibt es Henkersmahlzeiten nur noch auf Lebensmittelkarten.

Irgendwann gibt es das erste Theaterstück, „Frankfurt soll lewe“. Fanny bekommt eine Karte geschenkt und erlebt ihren ersten Theaterbesuch, der für sie entsetzlich war. Sie hörte nämlich, während sich zwei alte schwerhörige Frauen lautstark unterhielten, den Namen Sternberg. Sie nahm all ihren Mut zusammen, einen fremden Menschen anzusprechen und fragte nach der Adresse.

Es sticht einem ins Herz, wenn man liest, dass sich jüdische Menschen über nichts mehr auf Anhieb freuen konnten. Immer, wenn etwas Gutes geschieht, überkommen sie zuerst schreckliche Bilder. Erst dann kommt die Freude durch.

Fanny und Anna finden Betsy im ehemaligen jüdischen Krankenhaus. Auf Bitten der kleinen Familie zieht Betsy zu ihnen. Sie findet auch die jüdische Gemeinde, bei der sie ihre Enkelin Fanny anmelden kann.
Und dann, am 10. März 1946 geschah noch ein Wunder. Von Fannys Vater Fritz kam ein Paket. Und kurze Zeit später stand er selbst vor der Tür.
Hans bekam wieder Arbeit als Drucker. Die „Frankfurter Neue Presse“ erschien allerdings wegen Papiermangels nur zweimal wöchentlich. So hatte er Zeit, die Familie noch auf dem Schwarzmarkt zu versorgen.
Fanny und ihr Vater kamen sich nur zaghaft näher:

Als sie ihren Vater wiederfand, fehlten ihr die Worte, um zu sagen, was sie fühlte. Auch Fritz scheute sich, von Courage, Segen und Seligkeit zu sprechen. Im Moment der Überwältigung vermochten Vater und Tochter nur, sich anzuschauen und einander zaghaft zu berühren. Fanden ihre Hände zueinander, ahnten sie, was die Sorglosen und Zungenflinken meinen, wenn sie von Glück reden; sie jedoch fürchteten sich, das Wort auszusprechen.

Zum Schluss des 3. Teils gibt es noch eine wunderbare Überraschung. Alice, die mit ihrem Mann und inzwischen vier Kindern in Südafrika lebt, hat die Familie in Frankfurt gefunden, ein Paket geschickt und ihren Besuch angekündigt.
Und als wenn das nicht schon Wunder genug wären, kann Fritz Betsy noch eine wunderbare Neuigkeit überbringen: Sie bekommt die Wohnung in der Rothschildallee Nr. 9 zurück.

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