Anne Delbeé: Der Kuß – Kunst und Leben der Camille Claudel

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Bis dato habe ich noch keine Biografie gelesen, die mit dem Tod des Protagonisten begann. Bei dieser ist das so; und damit ein sehr trauriger Buchanfang. Camille Claudel liegt in einem eiskalten Krankenhauszimmer und geht dem Tod am 19. Oktober 1943 ganz alleine entgegen.
Dann ein Schwenk in die Vergangenheit, Camille ist 13 Jahre jung.

Camille Claudel wusste schon in jungen Mädchenjahren, was sie werden wollte: nämlich Bildhauerin. Ihr Vater verstand sie, unterstützte sie sogar in ihrem Vorhaben. Mit der Mutter allerdings kam sie nicht gut klar, fragte sich oft, warum sie von ihr gehasst wird. Als die Familie nach Paris zieht, tut sich ihr eine ganz neue Welt auf.

Ein kleiner Auschnitt aus einem Brief aus der Anstalt lässt am Ende manchen Kapitels neugierig weiterlesen:

…Wie es scheint, hat mein karges Atelier – die paar armseligen Möbel und einige von mir selbst verfertigte Werkzeuge -, hat mein armer kleiner Hausrat nun auch noch ihre Habgier entfacht!

Frauen, die genau wussten, was sie wollen und das auch leben wollten, hatten es früher ganz besonders schwer. Um ihre Träume zu verwirklichen, mussten sie ja teilweise sehr rücksichtslos gegenüber ihren Mitmenschen sein. Mutig sein, weil sie gegen gesellschaftliche Konventionen verstießen:

Passen Sie auf, Mademoiselle Camille, knöpfen Sie Ihre Bluse gut zu. Man wird leicht für etwas gehalten, das man nicht ist. Ein gutes Gewissen allein reicht auf dieser bösen Welt nicht aus.

Die Mutter hält ihre Leidenschaft zum Bildhauern für Quatsch. Der Vater unterstützt die Familie zwar, aber Atelier, Modelle, Werkzeuge und Materialien kosten natürlich Geld, das der Familie anderswo fehlt.

Brief aus der Anstalt
„… Was mich betrifft, so bin ich über den Fortgang meines Lebens hier so verzweifelt, daß ich nicht mehr ein menschliches Wesen … Ich kann die Schreie all dieser Geschöpfe nicht mehr ertragen, es bricht mir das Herz. Mein Gott! Wie ich mich nach Villeneuve sehne! Ich habe nicht all das getan, was ich getan habe, um namenlos in einem Irrenhaus zu enden, ich habe Besseres verdient…“

Allzugut sieht man anhand der Biografie von Camille Claudel, wie schwer es Frauen hatten, ihrem Lebenstraum zu folgen. Sie war eine sehr gute Bildhauerin. Während Rodin, dessen Schülerin sie war und auf die sie auch fast reduziert wurde, einen Auftrag nach dem anderen bekommt und genug Gehilfen hat, arbeitet sie Tag und Nacht selbst an ihren Werken. Auf Gehilfen kann sie sich nicht verlassen. Da sie nicht so viel zahlen kann, machen die keine gute Arbeit und zerstören mehr, als dass sie behilflich sind, so dass monatelange Arbeit umsonst war.
Sie verkauft kaum etwas, es kommt kein Geld rein. Selbst, wenn sie einen Auftrag bekommt, wie soll sie den durchführen? Sie hat Sehnsucht nach dem Bruder, der sich nach Shanghai aufgemacht hat.

Sobald ihr Vater gestorben war (sie wurde nicht einmal über dessen Tod informiert), wurde Camille Claudel von der Mutter und dem Bruder Paul in eine Anstalt gesteckt. Ihre Wohnung wurde aufgebrochen und man brachte sie gegen ihren Willen dorthin. Anfang der 20er Jahre hätte sie entlassen werden können, doch die Mutter, die sie nie besucht hatte, lehnte dies entschieden ab.
So vegetierte Camille die letzten 32 Jahre bis zu ihrem Tod 1943 in psychiatrischen Anstalten, vergessen und ohne jemals wieder arbeiten zu können.

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4 Kommentare zu „Anne Delbeé: Der Kuß – Kunst und Leben der Camille Claudel

  1. Dieses Buch und das darin geschilderte Frauenschicksal hat mich schon Ende der 80er begeistert, als das Buch auch sehr gut mit Isabelle Adjani in der Hauptrolle verfilmt wurde. Danke Anne, dass du mir das wieder in Erinnerung gerufen hast.
    Annette

    Gefällt 1 Person

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