Karlen Vesper: Die Puppennäherin von Ravensbrück – Zwölf Porträts

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Erschienen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe

Erhältlich bei Fischerbuch.de

Immanuel Kant sagte einst: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“
Diesem Ausspruch liegt die moralische Verpflichtung des Einzelnen zugrunde, Unheil abzuwenden. Er gibt gleichzeitig Hoffnung, dass Bewusstsein menschliches Handeln unterbinden kann. In den wohl dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichten wog diese Verpflichtung schwerer denn je.

Günters Vater Ludwig Pappenheim wurde schon am 25. März 1933 verhaftet. Ein politischer Konkurrent hatte ihn angezeigt. Als die Haftzeit vorbei war, wurde er aber nicht entlassen, sondern in „Schutzhaft“ genommen. Er kam ins KZ Breitenau bei Kassel, danach ins Börgermoor bei Papenburg im Emsland. Das war eines der ersten KZs in Nazideutschland und war noch dem Reichsjustizministerium unterstellt und wurde von „Schutzpolizisten“ bewacht. Die SS übernahm dann später die Moorlager.
Hier in Börgermoor wurde erstmals das „Lied der Moorsoldaten“ gesungen. Die Wachmannschaften ließen es zunächst zu, doch dann erfassten sie den Sinn der letzten Strophe und verbaten es:

„Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann’s nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.
Dann zieh’n die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten
ins Moor!“

Die Befreiung erlebte Ludwig nicht mehr. Angeblich wurde er auf der Flucht erschossen. Doch durch die Misshandlungen war er dazu gar nicht in der Lage. Noch dazu prahlte der SS-Mann Johann Siems später mit seinem „Meisterschuss“, mit dem er Ludwig niedergestreckt hat.
All dies hat Günter miterlebt. Erst als Lehrling konnte er wieder Freundschaften schließen. Diese findet er bei Zwangsarbeitern: Franzosen, Belgier, Niederländer, Russen, Jugoslawen.
14. Juli 1943 – es ist der Nationalfeiertag Frankreichs. Günter überrascht die Freunde und spielt für sie auf seiner Zieharmonika die „Marseillaise“. Doch sie werden unvorsichtig, zu laut, und Günter wird verhaftet und gefoltert. Er ist erst 17. Günter kommt in „Schutzhaft“, dann ins KZ Buchenwald. Er hatte Glück und überlebte das Grauen.

Zwölf Geschichten wie diese enthält dieses Buch. Über junge Menschen, die in einer sehr schwierigen Zeit menschlich geblieben sind.
Wie zum Beispiel Elisabeth Jäger aus Wien. Sie gehörte der Kommunistischen Jugend an und wurde durch Spitzel verraten. Sie verbannte man ins KZ Ravensbrück.

Die einzelnen Geschichten bleiben nicht so dicht bei den hier beschriebenen Personen. Wir erfahren etwas mehr aus der politischen Geschichte: Wie aus der KPD und SPD die SED entstand. Namen und Fakten von Antifaschisten und Kriegsverbrechern.
Die Firma Siemens zum Beispiel hatte in vielen Konzentrationslagern Produktionsstätten. Hermann von Siemens, Firmenchef, sitzt nach dem Krieg zwar für kurze Zeit im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis, doch er wurde nie angeklagt. Eine Entschädigung wird seinen Sklavenarbeitern erst Jahrzehnte später unter nationalem und internationalem Druck zuteil.

Aber auch ansonsten müssen die Frauen wie Sklaven arbeiten, werden vor tonnenschwere Walzen gespannt. Ein SS-Mann höhnisch:

„Häftlinge kommen billiger als Pferde. Erstens muss man sie nicht kaufen; sie werden gratis ins Lager geliefert. Zweitens kosten Steckrüben weniger als Heu, und drittens liefert ihre Asche noch guten Dünger.“

Da wird mir doch ganz übel, wenn ich heute in den Sozialen Medien – vorrangig bei Facebook – solche Sätze wieder lese. Da darf ungestraft geschrieben werden, dass die oder der Politiker ins Gas geschickt werden sollte. Dass die KZs ja noch vorhanden wären. Man bräuchte sie für die Flüchtlinge nur wieder aufzumachen. Rassismus und Rechtradikalismus haben bei uns wieder eine Bühne. Und das macht mir mächtig Angst.

Bevor ich euch nun alle mutigen Menschen aus diesem Buch vorstelle, lege ich euch dieses wärmstens ans Herz.

Wer das Neue Deutschland abonniert hat, kann einen Artikel über die Puppennäherin von Ravensbrück hier nachlesen: https://www.neues-deutschland.de/artikel/169185.die-puppennaeherin-von-ravensbrueck.html

Auf youtube gibt es ein Filmchen mit den „Moorsoldaten“, gesungen von Hannes Wader. Dort ist auch der deutsche und russische Text des Liedes nachzulesen: https://www.youtube.com/watch?v=aEDBkK_BthA

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