Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort

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Erhältlich bei Fischerbuch.de

 

Der Wiener Heiner Rosseck ist ein Überlebender. Er hat das KZ Auschwitz überlebt. Anfang der 1960er Jahre findet in Frankfurt der Auschwitz-Prozess statt, an dem Heiner als Zeuge teilnimmt.

Seine erste Reise nach Frankfurt lag ein Jahr zurück. Damals waren seine Füße aus Blei und der Weg zum Untersuchungsgefängnis wie eine zweite Deportation.

Bei einer Gegenüberstellung sollte er zwei Männer identifizieren, die ihn hätten täglich töten können.
Nun sollte er all das vor Gericht wiederholen. Aber man wollte es ganz genau wissen: Wann, wo, wie. Das machte ihn fertig:

… die Wahrheitssuche im Sinne des Strafgesetzbuches. Er wusste, dass es im Prozess um Daten und Fakten ging, nicht um Gefühle, aber er hatte sich überschätzt. Vor ihm saß der Richter, dessen Ton so tadelnd war, als hätte er den untauglichsten Zeugen eines Verkehrsunfalls vor sich.

Während dieses Prozesses lernt Heiner Lena kennen. Sie half ihm, als er zusammenbrach.  Sie verlieben sich. Doch Heiner warnt Lena. Der Tod ist sein ständiger Begleiter. Er selbst ist ein Wrack. Fleckfieber, Typhus, Tuberkulose, Erschöpfungszustände, chronische Bronchitis, Durchblutungsstörungen, Herzinfarkt.

Bevor wir Pläne schmieden, schrieb er, muss ich Dir zeigen, was zu mir gehört wie mein Kopf und mein Herz. Kann sein, dass Du es in einer Wohnung, in der wir zusammen leben, nicht ertragen willst.
Seine Briefe waren zärtlich und scheu. Er warnte vor sich. Er war versessen nach Glück und hatte Angst vor dem Glück.

Er lebte mit seinen Erinnerungen. Nachts musste im Schlafzimmer ein schwaches Licht brennen. Er konnte nicht im dunklen Zimmer wach werden. Er schrie im Schlaf.
Und in Lena nagte ein vager Zweifel. Wie lange reichte ihre Liebe für den Teil des Mannes, der im Lager geblieben war.

Am 5. August 1965 reiste Heiner wieder nach Frankfurt. Die Schlussworte der Angeklagten sollten gesprochen werden. Sie waren natürlich alle unschuldig. Niemand hat mitbekommen, was in Auschwitz vor sich ging.

Die Attacken, die Heiner erlebte, kamen von einer Minute zur anderen. Zum Beispiel in einem Wiener Café. Dann saß er plötzlich wieder in der Schreibstube und tippte im Akkord Todeslisten. Für ihn war es ungeheuerlich, dass die Menschen um ihn rum von seiner Welt nichts wussten.
Lena möchte die Ehefrauen dieser Täter verstehen. Ob deren Kinder wissen wollen, was die Väter verbrochen haben. Heiner begehrt auf. Ihn bringt das Einfühlungsvermögen in die Lagerteufel um.

Und ist es nicht tatsächlich so? Wir wollen die Täter verstehen. Wie konnten sie so werden? Aber wer fragt nach den Opfern? Auch heute hat der Täter jede Menge Aufmerksamkeit und Rechte, die sich das Opfer erkämpfen muss.

Eine Frau und Kind hat Heiner schon verloren wegen seiner Erinnerungen. Martha hielt es nicht aus. Nach fünf Jahren verlor sie die Geduld:

Dein Bett steht in Wien, sagte sie, verdammt noch mal, nicht in Block 21. Ich ertrage keinen Mann, der nachts seine Häftlingsnummer in die Dunkelheit schreit: 63.387.

Niemand wollte seine Geschichten hören. Niemand glaubte sie ihm. Nicht mal die Mutter, nicht die Freunde.

Ich möchte noch so viele Stellen zitieren. Die Erinnerungen, die den Überlebenden quälen. Ich denke immer, ich habe schon viel erfahren, was in den KZs geschehen ist. Und dann kommen immer noch neue Greuel dazu. Und vor Fassungslosigkeit merke ich beim Lesen nicht, wie ich die Luft anhalte.

Im Anhang gibt es ein Nachwort von Margarete Mitscherlich.

Sie war eine deutsche Psychoanalytikerin, Ärztin und Autorin zahlreicher Bücher.
Mitscherlich schrieb gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908–1982), das Buch Die Unfähigkeit zu trauern, das 1967 Diskussionen auslöste. Darin untersuchten sie am Beispiel der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und der unzulänglichen Auseinandersetzung und Bewältigung in der Adenauer-Ära die Abwehrhaltung des Einzelnen und der Masse gegenüber Schuld und Mitschuld an politischen Verbrechen.

– Wikipedia

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7 Kommentare zu „Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort

  1. Dieser Roman hat mich auch sehr beeindruckt. Wie vergeblich der Versuch immer bleiben wird, die nicht selbst erfahrenen Gräuel von Haft und Folter nachzuvollziehen, stellt die Autorin eindringlich dar. Ebenso das Scheitern der Opfer, ihre traumatischen Erfahrungen nachvollziehbar zu machen.

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  2. Sehr beeindruckend deine Darstellungen – ich kann es fast fühlen, wie du die Luft anhälst und vor Entsetzen in eine Starre fällst und du das Unglaubliche einfach nicht glauben willst. Es ist aber Realität, auch wenn es niemand wahrhaben will und schon gar nicht nach so vielen Jahren, nach einem Lebenszyklus … …
    Vielen Dank für eine super tolle Rezension, wie gewohnt bin ich nicht enttäuscht worden.
    Liebe Grüße Ede

    Gefällt 1 Person

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