Petra Oelker: Das klare Sommerlicht des Nordens

20151231_163421Erhältlich bei Fischerbuch.de

Das klare Sommerlicht des Nordens von Petra Oelker verschlägt mich in das Hamburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ich begegne zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können.
Sidonie Wartberger ist verheiratet und führt aus materieller Sicht ein sorgenfreies Leben. Aber sie ist nicht mehr die glückliche junge Frau, die sie war, als sie ihren Mann geheiratet hat.

Und dann ist da Dora Lenau, die in einer Näherei arbeitet und auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag durch das Hamburg kommt, das im Umbruch ist; und das nicht nur technisch und kulturell. Sie lebt mit ihrer Tante Anna Römer und ihrem Cousin Theo in einer Wohnung. Die ärmlichen Behausungen werden abgerissen und neue Wohnungen gebaut. Die Bewohner der Armenhäuser werden einfach auf die Straße gesetzt. Frauen mit Kindern, alte und kranke Leute, spielt alles keine Rolle.
Dora will nicht ewig in der Näherei arbeiten. Sie hat ihre eigenen Träume. Sie möchte Avantgarde-Mode machen. Ihrem Chef hat sie auch schon einige Vorschläge unterbreitet, doch der bekommt sie in dieser Gegend nicht verkauft. Also träumt Dora erst mal weiter.

(Der Hamburger Nahverkehr hat hier eine Reihe Fotos aus der Zeit von Hamburg gesammelt.)

Es ist anfangs nicht ganz leicht, einen Leserhythmus zu finden. Denn die Geschichte, oder besser die Geschichten, springen von einer Frau zur anderen.

Sidonie erlitt in der sechsjährigen Ehe zwei Fehlgeburten und verfällt in Melancholie, wie Schwiegermutter Esther Wartberger meint. Kein Verständnis dafür, dass sich Sidonie in ihre Traurigkeit einhüllt. Auch Viktor, ihr Ehemann, weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Einerseits versteht er sie, andererseits: Es muss doch mal wieder gut sein.

Ich verstehe die negativen Rezis, die ich gelesen habe, nicht. Wahrscheinlich passiert anderen Lesern nicht genug. Aber es ist doch so: Meistens fließt das Leben einfach so dahin. Interessant ist aber doch, wie die Menschen damals gelebt haben, die Armen, die Mittelschicht und die Reichen, wie Politik gemacht, Städtebau betrieben wurde. Wie das mit den Standesunterschieden war, und was geschieht, wenn jemand aus dem eingefahrenen Regelwerk ausbricht.

Auch das Thema Antisemitismus spielt hier eine nicht kleine Rolle. Besonders zu spüren in Doras kleiner Familie. Dora wurde von ihrem Arbeitgeber in einen jüdischen Haushalt ausgeliehen. Durch Zufall lernt sie Sidonie Wartberger, die Frau des Hauses, kennen. Doras Cousin (bzw. Nicht-Cousin; wie das zusammenhängt, lest selbst) Theo, der sich auf die falsche Seite schlägt, übt Druck auf sie aus und erpresst Dora, die Leute auszuspionieren.

Ob sie das mit sich machen lässt und ob die Frauen ihren Weg finden, lest ihr am besten selbst.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, der Schreibstil ist einfach toll. Allerdings bin ich vom Ende des Buches ein wenig enttäuscht. Es geht nicht darum, ob es ein Happy end gibt oder nicht, aber die Geschichte endet irgendwie abrupt. Und dann tauchen plötzlich auf ein paar Seiten in einem Epilog alle Protagonisten auf und es wird kurz geschildert, was aus ihnen geworden ist.

Das wird mich aber nicht daran hindern, weitere Bücher von Petra Oelker zu lesen.

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