Beate Morgenstern: Nest im Kopf

Nest

Das Buch gehört zu den Büchern, welche man zwei oder mehrmals lesen kann und trotzdem immer wieder neue Situationen entdeckt und viele Passagen anders interpretiert. Knapp 40 Jahre habe ich in Herrnhut und der Brüdergemeine dort gelebt. Als junger Buchhändler habe ich mich auf dieses Buch gestürzt, die erste Auflage ist 1988 im Aufbau-Verlag erschienen, und mir, wie wahrscheinlich alle oder viele andere Herrnhuter, eine Liste gemacht, welche Schwester oder welcher Bruder, so reden sich die Herrnhuter auch heute noch an, in der einen oder anderen Person dargestellt ist oder sein könnte. Klar, Abraham Haslinger ist als Person der Herrnhuter Geschichte Abraham Dürninger, der Kretzschmar ist der Kottmar und Kretzschmarsdorf ist Kottmarsdorf. Schwester Verheugen ist die Schwester Verbeek und Onkel Zabel wohl der Bruder Zoberbier. Wer aber ist in Annas – Beate Morgensterns demütigender und peinlicher Erinnerung der Bruder Zerbst? Doch eigentlich sind die „Klarnamen“ überhaupt nicht wichtig. Wichtig ist die persönliche Aufarbeitung ihrer Geschichte; reflektiert bei einem späteren Besuch als Erwachsene in dem Ort ihrer Kindheit.

In Gottshut – Herrnhut ist die Welt in Ordnung. Jedenfalls scheint es so. Es ist alles so klar strukturiert: Gott ist die obere und gute Instanz und die Menschen leben, wo auch immer, miteinander nach selbst gegebenen Regeln und in der Ehrfurcht vor Gott, die sie so verinnerlicht haben, dass sie fast schon als gottgegeben angesehen werden. Anna wächst in dieser Welt auf, lernt sie anzunehmen und lehnt sich doch schon bald gegen diese Enge und Starre auf. Dann kommt der Umzug in das, wie Anna findet, „gottlose Mansfeldische Land“ und dort ist auf einmal nicht eine Fromme unter den Auserwählten, sonder die „Paschtern“ und damit eine andere Welt und die höhere Instanz. Für Anna ist diese Umkehrung der Verhältnisse schwer zu begreifen und sie versucht, das „Machtgefüge“ zwischen Pfarrhaus und Dorf auf ein normales Miteinander zu bringen. Sie weiß und spürt, dass man als Lösung diese feste Struktur der Abhängigkeiten überwinden und abschaffen muss. Gleichzeitig brauchen die Menschen aber Strukturen und Regeln, nach denen sie friedlich miteinander leben können.

Auch in Herrnhut – Gottshut.

Leider ist das Buch aktuell nicht verlegt, sollte aber ganz sicher antiquarisch zu finden sein.

Hans-Georg Fischer, 06618 Naumburg

Fischers Bücherstube Freyburg (Unstrut) – www.fischerbuch.de

Merken

Merken

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s