Cristina De Stefano: Oriana Fallaci – Ein Frauenleben

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Erhältlich im Verlag btb

Du wirst nicht viel Zeit haben, um die Dinge zu begreifen und sie zu erledigen. Die Zeit, die man uns gibt, in dem, was man Leben nennt, ist viel zu kurz. Und so ist es nötig, dass alles in großer Eile geschieht.

Heute möchte ich Dich auf eine interessante Frau aufmerksam machen. Eine Frau, die schon sehr früh erwachsen werden musste, da sie schon als Kind den Krieg miterlebte und im Untergrund arbeitete. Eine Frau, die sich mit ihrer Berufswahl eine Männerdomäne eroberte.

Am 4. September 2006 kehrt Oriana Fallaci nach Florenz zurück. Ihr Neffe begleitet sie auf ihrem Flug. Ihr Krebs ist im letzten Stadium, weshalb sie ein Privatflugzeug nehmen musste. Keine Fluggesellschaft wollte sie als Passagier haben.
Die letzten 50 Jahre lebte sie in New York. Doch zum Sterben möchte sie dahin, wo alles begann. Sie igelt sich auf ihrem Sitz ein und erinnert sich:

Als Oriana Fallaci 1929 in Florenz geboren wurde, war ihrem Leben keine erfolgreiche Karriere vorherbestimmt. Ihre Mutter musste für die Familie des Mannes das Aschenputtel spielen und sie bat ihre Tochter oft: Lerne, studiere, schau dir die Welt an. Und als Oriana 1977 den Ehrendoktortitel am Columbia College in Chicago annimmt, sagt sie in ihrer Dankesrede:

Ich widme diesen Ehrentitel meiner Mutter Tosca Fallaci, die nicht die Universität besuchen durfte, weil sie in einer Zeit, in der arme Frauen nicht studieren durften, arm war und eine Frau.

Oriana bekommt noch zwei Schwestern und viel später, als sie selbst schon erwachsen waren, noch eine Adoptivschwester. Es gab keinen Stammhalter, und so zog Orianas Vater sie wie einen Jungen auf.

Die entscheidende Rolle für ihre spätere Berufswahl spielte ihr Onkel väterlicherseits: Bruno Fallaci. Er gehört der Welt der Schreibenden an, ist mit der Schriftstellerin Gianna Manzini verheiratet und selbst ein erfolgreicher Journalist. Einer seiner Ratschläge, die Oriana immer wieder zitiert: „Vor allem eins: Den Leser NIEMALS langweilen!“

Orianas Kindheitserinnerungen sind eher trauriger Natur. Die Mutter hungert öfter, damit die Kinder etwas in den Magen bekommen. Aber sie sorgt auch dafür, dass man der Familie die Armut äußerlich nicht ansieht. Aus Alt mach Neu war ihre Devise. Und der Vater schreinerte Möbel, nur einen Geschäftssinn hat er nicht – er war eher ein Künstler.

Schon als Kind interessierte sich Oriana für ihre Vorfahren. In einer Truhe gab es jede Menge Andenken an frühere Familienmitglieder. 1944 wird die Truhe samt Haus bei einem Bomenangriff total zerstört. Nur weil Oriana einige Briefe der Vorfahren abschrieb, blieben diese erhalten. Sie hat damals schon begriffen, „dass jedes Ding eine Sprache hat und zu einer Geschichte werden kann – man muss nur gut zuhören können“.

Die Fallacis haben schon immer gegen die Obrigkeit aufbegehrt. Aber um die Politik kümmerte sich der Vater. Die Mutter teilte zwar die Meinung, hatte aber gar keine Zeit, den Kindern zu erklären, warum Mussolini schlecht war. Es war halt so.

Oriana wird ein Kind des Krieges. Diese Zeit hat sich ihr tief ins Gedächtnis eingegraben. „Ich war ein Mädchen, das sich mit Hunger, mit Kälte und Angst auskannte.“ Und sie kämpfte als Kind schon mit ihrem Vater im Untergrund.

Orianas Vater wird denunziert und ins Gefängnis geworfen. Man foltert ihn, sodass sie ihn, als sie ihn endlich besuchen dürfen, gar nicht erkannten.

Nach dem Krieg, Florenz liegt in Trümmern, macht der Vater in der Aktionspartei Gewerkschaftsarbeit. Oriana wurde als einfacher Soldat aus der italienischen Armee verabschiedet. Da war sie 16 Jahre jung.

Das dritte Kapitel hat die Überschrift „Ein Haus voller Bücher“ und ich war ganz traurig, dass es nur acht Seiten hat. Die Autorin lässt Oriana hier eine kleine Geschichte erzählen, die ich unbedingt aufschreiben muss, weil ich sie so schön finde:

„Als ich noch klein war, kaufte meine Mutter Wolle im Strang, die sie dann zu einem Knäuel aufwickelte. Den Anfang des Knäuels knotete sie immer um ein zerknülltes Stückchen Papier, ob es nun ein weißes Blatt, ein Stück Zeitung oder eine Quittung aus dem Lebensmittelladen war. Mich brachte die Neugier jedes Mal schier um, wenn ich zusah, wie das Knäuel beim Stricken immer kleiner wurde, weil ich es nicht erwarten konnte zu erfahren, was sie wohl diesmal reingesteckt hatte. War das Knäuel zu Ende, hielt ich das Stück Papier ganz fest und drehte es in meinen ungeduldigen, kleinen Fingern hin und her. Wie gesagt, kam es durchaus öfters vor, dass es nur ein unbeschriebenes Stück Papier war, und in diesem Fall war die Enttäuschung groß. Stand jedoch etwas darauf, gab ich es sogleich der Mama, damit sie es mir vorlas, und lauschte ihr verzückt. Selbst die Rechnung aus dem Kaufladen erzählte mir eine Geschichte.“

Was für ihre gesellschaftliche Herkunft eher ungewöhnlich ist, ist, dass Orianas Eltern leidenschaftliche Leser sind. Sie kaufen ihre Bücher auf Raten.

Diese acht Seiten haben es in sich. Ich möchte sie euch am liebsten abschreiben, aber das geht leider nicht.

Oriana verliebt sich nach den ersten Seiten von „Ruf der Wildnis“ von Jack London in den Hund Buck und London selbst war ihr erstes Vorbild. Er ist für sie „der Inbegriff des schriftstellernden Journalisten, in dem sich Neugier und Abenteuerlust mischen“.

Da ihr jederman sagte, der Beruf des Schriftstellers wäre nur etwas für reiche oder alte Leute, arbeitete sie darauf hin, Journalistin zu werden.
Sie weiß, dass sie in diesem von Männern dominierten Beruf besser sein musste als alle anderen und arbeitete akribisch.

Arrigo Benedetti, Herausgeber des „Europeo“, sagte zu ihr:

Du musst aufpassen. Du bist gut und wirst dir in unserer Branche keine Freunde machen, weil das alles Primadonnen sind, die einer Frau wenig zugestehen. Genauer gesagt, gar nichts. Tatsache ist, dass du dir einfach alles nehmen musst, ohne darauf zu warten, dass sie es dir geben, und damit wirst du dir nicht viel Sympathie verschaffen.

Und da Florenz zu klein für sie wurde, ging sie für den „Europeo“ nach Rom, wo aber erst einmal eine Zeit des Hungers begann.

Hiermit schließe ich und hoffe, ich habe Dich neugierig gemacht auf das Leben von Oriana Fallaci.

Nur noch so viel: Oriana Fallaci arbeitete auch für renommierte internationale Zeitungen. Sie berichtete 1956 über den Ungarn-Aufstand und wurde beim Massaker von Tlatelolco durch Schüsse verletzt. Sie interviewte berühmte Menschen, darunter auch  Ayatollah Chomeini und schrieb Bücher, die in 20 Sprachen übersetzt und in 31 Ländern veröffentlicht wurden.

Nach ihrer Reise nach Ungarn schrieb Oriana das, was mir heute dauernd durch den Kopf geht:

Wie können wir als Männer und Frauen mit Bewusstsein uns denn noch für die Liebschaften von Filmstars interessieren, für die Skandale der High Society oder für die Filmpremieren, die man im Smoking und tiefem Dekolleté besucht?

Eine absolut interessante Biografie. Mich hat sie so neugierig gemacht, dass ich nun noch etwas Geschriebenes von Oriana Fallaci lesen möchte. „Wir, Engel und Bestien – Ein Bericht aus dem Vietnamkrieg“ habe ich mir schon besorgt.

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M. C. Beaton: Agatha Raisin und der tote Richter – 1. Teil

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Bastei Lübbe

Agatha Raisin, was für eine Frau. In London hatte sie als PR-Beraterin eine eigene Firma. Diese hat sie verkauft, um sich ein Cottage in den Cotswolds zu kaufen und auf dem Land zu leben. Die Leute dort sind zwar nett und höflich, aber trotzdem fühlt sie sich als Auswärtige. Was ja auch kein Wunder ist, nach so kurzer Zeit, die sie dort erst lebt.
Um sich beliebt zu machen, nimmt sie an einem Backwettbewerb teil, schummelt dort aber und reicht einen Feinkost-Quiche aus einem Delikatessenladen ein. Gewinnen tut sie damit nicht, aber der Preisrichter nimmt das gute Stück mit nach Hause und wird dort morgens hinter seinem Sofa liegend tot aufgefunden.

Die Polizei stellt fix heraus, dass der Richter an Herzversagen gestorben ist, während Agatha eher für Mord plädiert. Doch jedes mal, wenn sie recherchiert, wird ein Mordanschlag auf sie verübt.

Wer dahinter steckt und ob sich Agatha in dem Dorf einlebt? – Verrate ich nicht.

Aber: Agatha Raisin und der tote Richter war ein richtig schöner Auftakt einer Cozy-Krimireihe. Eher leise gehalten, aber mit wunderbaren Figuren und einer kleinen Prise Humor.

Kathrine Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

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Hoffmann und Campe

Gekauft hatte ich mir das Buch, weil es in Briefform geschrieben ist. Ich hatte auch schon einige Meinungen zu diesem Buch gelesen und war sehr gespannt, wie die Handlung in dieses dünne Büchlein passen sollte.

Max Eisenstein und Martin Schulse sind Geschäftspartner, Freunde, und führen in San Francisco eine Kunstgalerie, die sehr gut läuft. 1932 siedelt Martin nach München über und wird mit der Zeit mehr und mehr bekennender Nationalsozialist. Diese Entwicklung kann man sehr gut aus seinen Briefen herauslesen. Als eines Tages Max‘ Schwester Griselle vor Martins Tür steht und Hilfe benötigt, da sie von SA-Männern verfolgt wird, verwehrt er sie ihr. Das ist Griselles Todesurteil.

Max beginnt nun, sich für den Tod seiner Schwester zu rächen. Wie, das lest selbst.

 

Das Buch erschien 1938 unter dem Pseudonym Kressmann Taylor, da ihr Verleger meinte, ein politischer Text einer Frau würde nicht ernst genommen.

Wer eine ältere Ausgabe wie die meinige liest, dem gebe ich den Tipp, das Vorwort von Elke Heidenreich erst am Ende zu lesen, das sie von der Handlung sehr viel vorwegnimmt.

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren – Tagebücher 1939-1945

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Erhältlich bei Fischerbuch.de

Lesen mit Mira

Astrid Lindgren konnte schon schreiben, als sie noch gar nicht so richtig damit begonnen hat. Das hat sie mit ihren Kriegstagebüchern bewiesen.

Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben, schreibt sie in ihrem ersten von siebzehn in Leder eingebundenen Tagebüchern. Astrid Lindgren war 32, verheiratet, Mutter zweier Kinder und hatte erst einige Kurzgeschichten in Zeitschriften veröffentlicht.

Persönlich bekamen sie nicht viel vom Krieg mit: Ja, es gab Lebensmittelrationierungen, manchmal war der öffentliche Verkehr lahmgelegt, der Ehemann hatte militärischen Bereitschaftsdienst und die Preise stiegen.

Und doch war jeder Tag geprägt von Angst, Angst, dass der Krieg auch zu ihnen kommen könnte.

Warum sie diese Tagebücher begann, geht nicht aus ihnen hervor. Später sagte Astrid Lindgren mal in einem Interview, dass sie zu dieser Zeit das erste Mal eine politische Überzeugung hatte. Die ganze Familie diskutierte mit, selbst den Kindern las sie aus den Tagebüchern vor.

Durch ihre Arbeit in der Abteilung für Postzensur im Stockholmer Zentralpostamt erfuhr sie, welche Auswirkungen der Krieg auf die Menschen hatte. Einige der Briefe, die sie während dieser Tätigkeit lesen musste, schrieb sie ab (obwohl das streng verboten war) und fügte sie den Tagebüchern hinzu.

Schweden war, wie einige wenige andere Länder auch, neutral. Doch an den Grenzen gab es schon brenzlige Situationen. Besonders auf dem Meer, wo ein schwedisches U-Boot versank. Über diese Neutralität lässt sich wahrscheinlich diskutieren. Schweden verdiente am Krieg, ja auch die Familie Lindgren hat daran verdient.

Aber Schweden konnte dadurch anderen Ländern mit seinen Ressourcen helfen. Und, wie Mira in ihrer Buchbesprechung zitiert: Einer muss ja neutral sein, sonst würde es doch keinen Frieden geben – aus Mangel an Friedensvermittlern.

Immer wieder blitzt auch die Angst vor den Russen durch. Astrid Lindgren verriet, lieber mit den Deutschen zu paktieren, als sich den Sowjets auszuliefern.

Sie verstand auch die deutschen Menschen nicht: Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze übrige Menschheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen.

Ich emfand das Lesen dieser Tagebücher als sehr interessant. Bisher habe ich ja meist Bücher gelesen, in denen einzelne Opfer berichten, aber so einen allumfassenden Überblick über diese Jahre – den habe ich nun in diesem Buch erfahren.

Mirellas Buchbesprechung mit jeder Menge schöner Zitate kann man hier lesen.

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Jens Andersen: Astrid Lindgren – Ihr Leben

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Erhältlich bei Fischerbuch.de

Lesen mit Mira (April 2016)

Die Biografie hat sich einfach wunderbar gelesen. Da ich mich mit der Person Lindgren noch nie näher beschäftigt habe, erfahre ich hier natürlich viel Neues.
Nicht so sehr über ihre Kindheit (über die berichtet sie in dem Buch Das entschwundene Land), sondern mehr über ihre Jugend. Über ihre Männer, die Geburt des Sohnes Lasse und wie das überhaupt damals so war in Schweden mit alleinstehenden Frauen, die Kinder bekamen. Und vor allem, wie es für Lasse war, der ja nach der Geburt nicht bei der Mama bleiben konnte.

Das Buch ist gespickt mit vielen Fotos und vielen Briefausschnitten an die Familie und Freunde. Sie hat sich regelmäßig Notizen gemacht über das Aufwachsen ihrer Kinder.
So richtig mit dem Bücherschreiben hat Astrid Lindgren erst mit ungefähr 35 Jahren begonnen. Zuvor arbeitete sie als Volontärin bei der Ortszeitung Vimmerby Tidning. Dort lernte sie das Journalistenhandwerk und Reinhold Blomberg, den Eigentümer und Chefredakteur der Zeitung, kennen. Sie weigerte sich aber, ihn zu heiraten. Die ersten drei Jahre musste sie ihren Sohn Lasse in eine Pflegefamilie geben, was ihr schier das Herz brach. Doch dann zogen die beiden nach Stockholm, wo sie in einem Zimmer lebten, bis Astrid ihn zu ihren Eltern nach Näs bringen konnte. Ein letztes Mal umziehen musste der kleine Mann dann, als Astrid Sture Lindgren kennenlernte und sie beschlossen, zu heiraten. Am 21. Mai 1934 wurde ihre Tochter Karin geboren.

Astrid arbeitete für den Kriminologen Harry Söderman als Sekretärin; durch seine Vermittlung wurde sie „1940 vom schwedischen Geheimdienst als ‚Kontrolleurin‘ eingestellt – eine Geheimtätigkeit in der Abteilung für Postzensur im Stockholmer Zentralpostamt“. Hier dachte sie eher wirtschaftlich, da sie unbedingt in eine größere Wohnung ziehen wollte. Durch das Lesen der Briefe war sie allerdings auch viel näher dran am Krieg.

Nach dem Krieg sah Astrid einen Hoffnungsschimmer, wenn sie an die Kinder und Jugendlichen von morgen denkt. Sie geht leise davon aus, dass diese Kinder glücklicher aufwachsen und so eine humanere und großzügegere Generation heranwächst. Eine, die sich gegenseitig das Leben gönnt.

Ich glaube, wenn Astrid Lindgren heute noch leben würde, wäre sie erschüttert, was Kinder heute wieder erleben müssen.

1944 reichte Astrid ein Manuskript  über Pippi Langstrumpf beim Verlagshaus Albert Bonniers Förlag ein, von dem sie abgewiesen wurde. Albert Bonnier sollte das auf immer und ewig bereuen.

Warum? Das lest selbst. Lernt Astrid Lindgren und ihre Familie und Freunde kennen. Sie war so viel mehr als „nur“ eine Kinderschriftstellerin. Sie war Humanistin, Zivilisationskritikerin, politische Aktivistin.

Zum Abschluss möchte ich aber dann doch noch ein Zitat bringen und eine Bresche für das Buch schlagen:

    Es gibt keine Medien, die das Buch als Nährboden der Fantasie ersetzen können. Die heutigen Kinder schauen Filme, hören Radio und sehen fern, lesen Comics – das alles kann sicherlich amüsant sein, hat aber nichts mit der Fantasie zu tun. Ein Kind allein mit seinem Buch schafft sich irgendwo in den heimlichen Räumen der Seele seine eigenen Bilder, die alles andere übertreffen. Diese Bilder sind notwendig für den Menschen. An dem Tag, an dem die kindliche Fantasie nicht mehr imstande ist, sie zu erschaffen, an dem Tag wird die Menschheit ärmer.

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Walter-Kempowski-Leseprojekt

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Wir sollten den Alten nicht den Mund zuhalten, wenn sie uns etwas erzählen wollen, und wir dürfen ihre Tagebücher nicht in den Sperrmüll geben, denn sie sind an uns gerichtet – die Erfahrungen ganzer Generationen zu vernichten, diese Verschwendung können wir uns nicht leisten. Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe, zu retten, was zu retten ist, ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe angesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet.

Mit diesem Zitat möchte ich ein Leseprojekt zu Walter Kempowskis Werken starten.

Am 5. Oktober dieses Jahres jährt sich sein zehnter Todestag. Das möchte ich zum Anlass nehmen, seine Bücher zu lesen und ein wenig darüber zu berichten.

Kempowski war ein Zettelkasten-Mann. Er hat unzählige Notizen gesammelt. Was er im TV gesehen hat, welche Musik er gehört hat. Selbst Gespräche im TV hat er notiert. Seine Tagebücher sind unwahrscheinlich detailgenau.
Und er hat schon sehr früh den Gedanken an eine Familienchronik gehabt.

Das Echolot ist eine Ansammlung von Tagebüchern, Briefen, Fotos, die Kempowski nach Zeitungsanzeigen zugeschickt bekam. Der Schwerpunkt liegt in den Zeiten Januar und Februar 1943, Winter 1945, quasi als Prolog das Jahr 1941 und im „Abgesang ’45“ geht es um wenige letzte Kriegstage.

Man kann sie nicht am Stück lesen. Ich denke, man muss mit ihnen arbeiten. Ich habe mir überlegt, sie immer dazuzuziehen, wenn ich ein Buch über das Vergessen lese. Mal schaun, wie ich das dann mit einbinden kann.

Die ersten neun Romane („Im Block“ zähle ich jetzt mal nicht mit, das war das allererste Buch) bauen ja aufeinander auf und sind zur „Deutschen Chronik“ geworden.

Deutsche Chronik I. Aus großer Zeit. 1978
Deutsche Chronik II. Schöne Aussicht. 1981
Deutsche Chronik III. Haben Sie Hitler gesehen? 1973[24]
Deutsche Chronik IV. Tadellöser & Wolff. 1971
Deutsche Chronik V. Uns geht’s ja noch gold. 1972
Deutsche Chronik VI. Haben Sie davon gewußt? 1979[24]
Deutsche Chronik VII. Ein Kapitel für sich. 1975
Deutsche Chronik VIII. Schule (Immer so durchgemogelt. Erinnerungen an unsere Schulzeit). 1974
Deutsche Chronik IX. Herzlich willkommen. Knaus Verlag, München 1984; als Taschenbuch bei: btb, München 1997, ISBN 3-442-72190-3.

Ich weiß leider nichts von meiner Familiengeschichte. Zu Hause wurde trotz Fragen nichts erzählt. Nur eines: Meine Mutter ist Jahrgang 43 und in Polen geboren. Auf welche Art und Weise sie nach Rostock gekommen ist, ist mir unbekannt.

Ein Jahr nach „Alles umsonst“ (2007, im Oktober) Walter Kempowski gestorben. Er hatte vorab schon mal einen kleinen Schlaganfall und hat während diesem noch gleich sondiert, wie er seine Pläne noch sichern konnte. Und war immer besorgt, dass er seine Arbeit nicht mehr beenden könnte.

Alle Bücher im Überblick:

Im Block, ein Haftbericht. 1969
Deutsche Chronik I. Aus großer Zeit. 1978
Deutsche Chronik II. Schöne Aussicht. 1981
Deutsche Chronik III. Haben Sie Hitler gesehen? 1973
Deutsche Chronik IV. Tadellöser & Wolff. 1971
Deutsche Chronik V. Uns geht’s ja noch gold. 1972
Deutsche Chronik VI. Haben Sie davon gewußt? 1979
Deutsche Chronik VII. Ein Kapitel für sich. 1975
Deutsche Chronik VIII. Schule (Immer so durchgemogelt. Erinnerungen an unsere Schulzeit). 1974
Deutsche Chronik IX. Herzlich willkommen. Knaus Verlag, München 1984; als Taschenbuch bei: btb, München 1997, ISBN 3-442-72190-3.
Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch Januar und Februar 1943. 4 Bde. Knaus, München 1993.
Das Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch Winter 1945. 4 Bde. Knaus, München 1999.
Das Echolot. Barbarossa ’41. Ein kollektives Tagebuch. Knaus, München 2002
Das Echolot. Abgesang ’45. Ein kollektives Tagebuch. Knaus, München 2005
Culpa. Notizen zum Echolot. Knaus, München 2005
Träumereien am elektrischen Kamin. (Hörspiel), 1971
Ausgeschlossen (Hörspiel). 1972
Haben Sie Hitler gesehen? (Hörspiel) 1973
Der Hahn im Nacken. Mini-Geschichten. 1973
Walter Kempowskis Harzreise erläutert. 1974
Beethovens Fünfte. (Hörspiel) 1975
Alle unter einem Hut. 1976
Wer will unter die Soldaten. 1976
Unser Herr Böckelmann. 1979
Mein Lesebuch. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1980, ISBN 3-596-22182-X
Moin Vaddr läbt. (Hörspiel), 1980
Kempowskis einfache Fibel. 1980
Führungen – ein deutsches Denkmal. (Hörspiel), 1982
Herrn Böckelmanns schönste Tafelgeschichten. 1983
Alles umsonst. (Hörspiel), 1984
Haumiblau. 208 Pfenniggeschichten für Kinder 1986
Der Landkreis Verden – ein Portrait., Landkreis Verden (Hrsg.), 1987
Hundstage. 1988
Ein Knie geht einsam durch die Welt. (als Herausgeber), 1989
Sirius. Eine Art Tagebuch. 1990
In Rostock. 1990
Mark und Bein. Eine Episode. 1992
Mein Rostock. 1994
Der arme König von Opplawur. Ein Märchen. 1994
Weltschmerz. Kinderszenen fast zu ernst. 1995
Der Krieg geht zu Ende. Chronik für Stimmen. (Hörspiel, 9 Std.), 1995
Bloomsday ’97. 1997
Heile Welt. 1998
Der rote Hahn. Dresden 1945. btb, München 2001
Alkor. Tagebuch 1989, 2001
Letzte Grüße. 2003
Das 1. Album. 1981–1986 2004
Hamit. Tagebuch 1990. Knaus, München 2006
Alles umsonst. 2006
Somnia. Tagebuch 1991. Knaus, München 2008
Langmut. Gedichte. Knaus, München 2009
Umgang mit Größen. Meine Lieblingsdichter – und andere, hrsg. von Karl Heinz Bittel; Knaus, München 2011 ISBN 978-3-8135-0414-9
Wenn das man gut geht! Aufzeichnungen 1956–1970. Knaus, München 2012, ISBN 978-3-8135-0367-8
Plankton. Ein kollektives Gedächtnis. (Herausgegeben von Walter Kempowski und Simone Neteler) Knaus, München 2014, ISBN 978-3-8135-0513-9.

 

Sr. Lea Ackermann / Reiner Engelmann: Solidarität mit Frauen in Not

Mit dieser Buchvorstellung reihe ich mich ein in das Projekt Kinder im Aufwind von der Künstlerin Petra Pawlofsky auf ihrem Blog da sein im Netz.

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Erhältlich bei Fischerbuch.de

Nein, ich lese nicht nur noch Bücher von Reiner Engelmann. Obwohl sie es allesamt verdient haben, viele interessierte Leser zu finden. Aber dieses passt von der Thematik auf den heutigen Tag.

Am 8. März eines jeden Jahres wiederholt sich der Internationale Frauentag. Zu Zeiten der DDR und der Ostblockstaaten wurde dieser Tag jedes Jahr groß gefeiert. Heute werde ich schief angesehen, wenn ich auf den Tag aufmerksam mache.

1910 schlug Clara Zetkin die Einführung eines internationalen Frauentages vor. Ein Jahr später hat man ihn schon am 19. März in Deutschland, Österreich-Ungarn, Dänemark und in der Schweiz gefeiert. Diesen Tag wählte man, weil der 18. März der Gedenktag für die Gefallenen der Märzrevolution war und auch die Pariser Commune begann im März 1871.

Die Arbeiter- und Soldatenfrauen des armen Stadtviertels Wyborg streikten am 8. März 1917 (entspricht dem russischen Kalender des 23. Februar) und lösten damit die Februarrevolution aus. So wurde der 8. März als internationaler Gedenktag eingeführt.

Je nach Quelle werden noch verschiedene Ereignisse zur Erklärung des Datums genannt. Wer neugierig ist, hier steht noch ein wenig mehr zu diesem Feiertag, der heute immer mehr in Vergessenheit gerät.

Doch nun zum heutigen Buch:

Es wurde herausgegeben von der Organisation SOLWODI e.V.

Weltweit leben immer mehr Frauen in Armut. Bedingt durch traditionelles Rollenverständnis verfügen sie über keine oder nur minimale schulische und/oder berufliche Ausbildung und erwirtschaften ein niedrigeres Einkommen als Männer. Häufig tragen sie aber überwiegend allein die Verantwortung für ihre Familien, weil viele Männer auf der Suche nach einer bezahlten Anstellung die Familie verlassen und in die Städte migrieren.

Ihre einzige Chance, der Verelendung zu entgehen und genug Geld zu verdienen, um ihre Familie zu ernähren, sehen viele Frauen in folgenden Auswegen: der Heirat mit einem „reichen“ Ausländer, einer Arbeit im Ausland oder in der Prostitution.

So geraten sie in die Hände von Menschenhändlern, Schleppern oder kriminellen Heiratsvermittlern. Diese Frauen werden dann oft an Bordellbesitzer verkauft und mit brutaler Gewalt zur Prostitution gezwungen, oder sie geraten in die Abhängigkeit von Ehemännern, die sie körperlich und seelisch ausbeuten.

Die Hilfe von SOLWODI richtet sich an betroffene Frauen in den Bereichen Sextourismus, Heiratshandel und Menschenhandel.

Diese Organisation wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Augsburger Friedenspreis 2014. Gefördert wird sie von unterschiedlichen Ministerien, Firmen, anderen Organisationen und privaten Spendern. Prominente Unterstützer sind unter anderen Alice Schwarzer, Heiner Geißler, Steffi Jones und der Liedermacher Georg Ringsgwandl.

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Doris Ahnen schrieb als Ministerin für Bildung, Frauen und Jugend in Rheinland-Pfalz in einem Geleitwort:

Ich empfehle dieses Lesebuch der Aufmerksamkeit von Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, weil es nicht nur die Schicksale von Menschenhandelsopfern eindringlich beschreibt, sondern auch aufzeigt, mit welcher Kraft Frauen und Kinder mit der entsprechenden Hilfe von Organisationen wie SOLWODI einen Neubeginn zu einem selbstbestimmten und unabhängigen Leben auch im Herkunftsland gestalten können.

Im 1. Artikel, Absatz 1 unseres Grundgesetzes heißt es:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Für die Abschaffung des Sklavenhandels haben Menschen gekämpft und ihr Leben gelassen. Heute, im angeblich so aufgeklärten Westen, wird moderner Sklavenhandel betrieben, nur, damit Männer ihren sexuellen Neigungen frönen können. Und da wird auch vor Kindern nicht halt gemacht.

Und wir alle wissen darüber Bescheid. Niemand kann sagen, er hätte nichts gewusst. Ganz im Gegenteil, wir scheinen uns daran zu gewöhnen.

Dieses Buch soll uns informieren und uns motivieren, darüber nachzudenken und uns zum Handeln anzuregen. Es darf nicht reichen, zu sagen: „Ach, wie schrecklich!“

Zum Abschluss möchte ich noch einige Zeilen von Petra Kirschstein aufführen:

Überall auf der Welt

Gefesselt…
mit den unsichtbaren Bändern der Verantwortung
für Kinder und Familie.

Gefangen…
im Labyrinth der Pflichten und gesellschaftlichen Normen.

Umzingelt…
von Menschen, die ihre Macht missbrauchen,
nur auf ihren Vorteil bedacht.

Ungehört…
ihr stiller Schrei nach Freiheit.

Ungesehen…
die Spuren der Wut und der Tränen in ihrem Gesicht.

Unbeachtet…
ihr verzweifelter Kampf um Gleichheit und Gerechtigkeit.

Belächelt…
die Versuche, ihren eigenen Weg zu gehen.

Nicht ernst genommen…
die gelebte Solidarität mit Leidensgenossinnen.

Unterschätzt…
die Kraft einer Frau.

 

Folgende Beiträge wurden schon veröffentlicht:

Macht doch auch mit !

Herzlichen Dank!

 

Eigene Beiträge

Ausgegrenzt und Ausgebeutet in Zusammenarbeit mit Amnesty Intenational

Punkte

Schlaglicht – Zur Lebenssituation von Kindern hier und anderswo

 

Petra Pawlofsky

Kinder im Aufwind (Einführung)

Liebevolle Wegbegleiter

Von Zeitdruck, Hektik und Ruhe

Kinderrechte

Die Widerstandskraft stärken 1

Die Widerstandskraft stärken/Strengthening resilience 2*

Generationenreigen/ Round Dance of Generations*

Malen, Singen, Rhythmus: unbedingt!*

Die Kraft in der Ruhe/ Strength in calm 1

Die Kraft in der Ruhe/Strength in calm 2

Geborgen? In security?*

Geborgen?/In security ?2Die Kraft in der Ruhe/Strength in calm 2

Gemeinsam stark

Und wie sag ich’s nun meinem Kind?*

Wie die Angst vergeht / How fear disappears*

Sylvia Kling

Kinder erfahren und Eltern sprechen

Schlüsselerlebnis

Unverbraucht

Ballade für Marie

Random Randomsen

Die Kinderwelt ist Klang

Pity the child

Liebeserklärung

Eternity in progress

Lebensläufe

Tomine &Tyler

Ulrike Sokul

Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen

Titus und der verwunschene Wald

Mitzi Irsaj Kinder im Aufwind – ein Projekt von Petra Pawlofsky und ein kleiner Beitrag von mir

vro jongliert Kinder sind keine Prüfung

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